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IQ und Afrika

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Der blinde Fleck der Klugheit – Was ist Intelligenz wert, wenn das Geld fehlt?

Es gibt Sonntage, da bleibt man beim ziellosen Surfen im Internet an Artikeln hängen, die einen tagelang nicht mehr loslassen. Heute war es eine dieser vermeintlich wissenschaftlichen Ranglisten: „Die Länder mit dem höchsten IQ der Welt“. Ein Blick auf die Tabelle genügte, um das gewohnte Muster zu erkennen. Ganz oben: die hochtechnisierten Industrienationen. Ganz unten, beziehungsweise gar nicht erst erwähnt: die Länder Afrikas. Unsere westliche Statistik stellt den afrikanischen Kontinent einmal mehr so dar, als fehle es den Menschen dort am Nötigsten: an Verstand.

Was für eine blendende Arroganz.

Ich musste unwillkürlich an unsere Reise durch Afrika denken und mir eine radikale Frage stellen: Was wäre, wenn man mich dort drüben einfach aussetzen würde? Ohne den schützenden Geldrucksack aus Europa, ohne meine vertraute Infrastruktur, vielleicht sogar mit einer anderen Hautfarbe? Würde ich überleben? Würde all mein europäisches Wissen, mein hierzulande antrainiertes logisches Denken ausreichen, um in diesen oft unerbittlich harten Lebensumständen auch nur eine Woche zu bestehen?

Die ehrliche Antwort ist beschämend: Ich würde vermutlich kläglich scheitern.

Unsere Definition von Intelligenz ist in Afrika nutzlos. Natürlich braucht auch dieser Kontinent Akademiker, aber für das tägliche Überleben des Großteils der Bevölkerung ist eine völlig andere Form des Denkens gefragt. Eine Intelligenz, die kein theoretischer Test der Welt jemals erfassen kann.

Mir kommen die Kinder in den Sinn, die ich beobachtet habe. Sie besitzen kein fertiges Plastikspielzeug aus dem Supermarkt. Stattdessen bauen sie sich ihre Spielsachen aus Draht, Blechdosen und Zivilisationsabfällen selbst. Mit einer faszinierenden kreativen Intelligenz ahnen sie die Statussymbole der westlichen Welt nach und konstruieren hochkomplexe Spielzeugautos – Meisterwerke der Improvisation, die ein Kind in der wohlbehüteten Schweiz niemals zustande brächte. Das ist keine theoretische Logik, das ist angewandte Lebensintelligenz. Es ist die Fähigkeit, der Natur und ihren brutalen Anforderungen mit Schöpferkraft und Resilienz zu begegnen.

Wer von uns, der stolz auf seinen akademischen IQ von über 120 verweist, hätte wohl den Mut, sich ganz ohne Hilfsmittel in der Wildnis aussetzen zu lassen, um diese angebliche Überlegenheit unter Beweis zu stellen?

Unsere europäische Denkweise ist oft von einer unerträglichen Überheblichkeit geprägt. Wir blicken auf Statistiken und urteilen aus der Distanz. Wie tief dieser moralische Verfall sitzt, zeigte mir neulich ein Facebook-Post. Da bedankte sich jemand mit zynischer Ironie dafür, dass die Schweiz die Einwanderung nicht strenger begrenzt habe – schließlich kämen die Fremden ja nur hierher, um sich „wie die Karnickel zu vermehren“. Dass ein solcher Satz im Netz auch noch massenhaft Beifall findet, ist das eigentliche Armutszeugnis.

Der Verfasser jenes Posts zeigte sich auf dem Profilbild stolz auf einer teuren Yacht. Gut möglich, dass der Mann im westlichen System als hochintelligent gilt und sich sein Boot mit einem IQ von 120 erarbeitet hat. Doch für mich stellt sich in solchen Momenten die Frage nach dem IQ völlig neu. Denn was nützt der schärfste Verstand, wenn er von menschlicher und emotionaler Verblödung begleitet wird?

Welche Lehre man aus all dem zieht, bleibt jedem selbst überlassen. Ich für meinen Teil habe gelernt, dass die wertvollste Intelligenz nicht auf dem Papier steht, sondern darin liegt, wie wir das Leben meistern – und wie wir unseren Mitmenschen begegnen.

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