Ubuntu – Die verschüttete Gemeinschaft
In Afrika hört man immer wieder ein Wort, das weit mehr ist als nur ein Begriff. Es ist eine Haltung, eine Art zu leben, ein stilles Verständnis zwischen Menschen: Ubuntu.
Oft wird es übersetzt mit: „Ich bin, weil wir sind.“ Ein Mensch wird erst durch andere Menschen zum Menschen. Je länger wir unterwegs sind, desto öfter begegnen wir diesem Gedanken – nicht in großen Reden, sondern im Alltag. In kleinen Gesten, in einer Selbstverständlichkeit des Helfens, im Teilen, obwohl wenig vorhanden ist, und in einer Offenheit, bei der ein Fremder zuerst ein Mensch ist und nicht eine Bedrohung.
Doch was denken wir in Europa meist zuerst, wenn wir an Afrika denken? Wenn wir ehrlich sind: Chaos, Kriminalität, Hunger, Kriege, Misswirtschaft. Genau diese Bilder tauchen auf, wenn uns Menschen fragen, ob unsere Reise durch Afrika nicht gefährlich gewesen sei. Viele stellen sich vor, dass man ein solches Abenteuer nur mit großen Sicherheitsvorkehrungen, mit Misstrauen und ständiger Angst antreten könne.
Ich erinnere mich noch gut, wie ich das erste Mal durch Afrika fuhr und in Südafrika ankam. Die Menschen dort schauten uns oft ungläubig an, dass wir „einfach so“ durch den Kontinent gefahren waren. Schnell kam die Frage, welche Waffen wir dabeigehabt hätten oder wie wir uns gegen die Angriffe gewehrt hätten, die wir doch bestimmt erlebt haben müssten. Dieses Bild existiert nicht nur in Europa, sondern auch heute noch in Teilen des südlichen Afrikas – besonders dort, wo viele Weiße leben und sich vom übrigen Kontinent gedanklich längst entfernt haben.
Warum sind wir so stark darauf geprägt, das Schlechte zu sehen?
Warum denken wir bei Unbekanntem sofort an Gefahr? Warum fragen wir uns nicht öfter, was wir lernen könnten – im Sinne von Ubuntu?
Genau hier beginnt die Frage, warum man davon in Europa so wenig spürt. Europa hat vieles erreicht: Ordnung, Sicherheit, Infrastruktur, soziale Systeme und Wohlstand. Dinge, um die uns viele Menschen beneiden würden. Doch auf dem Weg dorthin scheint etwas verloren gegangen zu sein. Verantwortung wurde ausgelagert. Was früher Nachbarn, Familien oder Dorfgemeinschaften getragen haben, übernimmt heute oft der Staat, eine Institution oder ein bezahlter Dienst. Das funktioniert effizient, schafft aber auch Distanz. Man kümmert sich weniger umeinander, weil man davon ausgeht, dass schon jemand zuständig sein wird.
Dazu kommt der starke Individualismus. Europa hat gelernt, dass Freiheit, Privatsphäre und Selbstbestimmung wichtige Werte sind. Das ist ein großer Fortschritt. Doch wer nur noch unabhängig sein will, wird irgendwann auch unverbunden. Man schützt sein Eigentum, seine Zeit, seine Ruhe. Man lebt Tür an Tür und kennt sich oft nicht einmal beim Namen. Viele Menschen besitzen fast alles, was sie brauchen – und fühlen sich trotzdem allein.
Ubuntu braucht Nähe. Nicht die perfekte Nähe, keine romantische Vorstellung, sondern das Bewusstsein, dass das eigene Leben mit dem Leben anderer verbunden ist. Dieses Denken hat es in Europa schwer. Zu viel Tempo, zu viel Misstrauen, zu viel Angst, ausgenutzt zu werden.
Die Architektur der Angst
Genau so denken allerdings nicht nur Europäer, sondern auch Teile der weißen Bevölkerung im südlichen Afrika. Viele verschanzen sich hinter hohen Mauern mit Stacheldraht und kaufen sich damit ein Gefühl von Sicherheit. Wenn man durch manche Städte geht, wirken diese Mauern bedrückend – nicht nur auf die Bevölkerung, sondern auch auf uns als Reisende.
Wir haben ja ein anderes Afrika erlebt. Ein Afrika, das uns mit offenen Armen empfangen hat. Ein Afrika, das uns gezeigt hat, dass Angst oft zuerst im Kopf entsteht. Je mehr wir dieser Angst Raum geben, desto weniger können wir uns auf Menschen einlassen. Und plötzlich fühlen wir uns dort unsicherer, wo uns Mauern begleiten, als in vielen Gegenden Schwarzafrikas, wo wir solche Mauern kaum gesehen haben.
Man sollte Afrika nicht verklären. Armut ist hart, Unsicherheit ist belastend. Doch wir glauben, egal wo wir sind: 99 Prozent der Menschen sind uns gut gesinnt. Nur ein verschwindend kleiner Teil greift zu Methoden, die wir kriminell nennen würden. Sind wir ehrlich: Das passiert in Europa genauso wie in Afrika. Und wenn wir mal ganz nüchtern die Kriminalstatistik verschiedener Länder anschauen, so schneiden etliche afrikanische Länder genauso gut oder schlecht ab wie europäische oder amerikanische Länder.
Eines haben wir als Reisende gespürt: Wenn wir offen und herzlich auftreten, wird einem auch offen gesagt, dass man als Reisender in Afrika willkommen ist und somit auch wieder durch die Gemeinschaft geschützt wird. So luden wir alle, die schauen wollten, wie wir im Auto leben, ein, unsere „Trudi“ zu besichtigen, damit sie einen Eindruck unserer Lebensweise bekommen. Manchmal waren zehn Kinder gleichzeitig im Fahrzeug – aber gefehlt hat noch nie etwas, weil wir eben das Vertrauen den Menschen geschenkt haben. Ubuntu verlangt eine gegenseitige Haltung, die immer auf Augenhöhe sein soll. Es zählt nicht das Vermögen, sondern der Mensch.
Vom Trommelklang zur Musik
Wer einmal selbst mit Menschen im Kreis gesessen ist, wer selbst die Trommel zwischen den Knien gespürt und gemerkt hat, wie der Rhythmus vom Kopf in den Körper wandert, der versteht Ubuntu ohne Wörterbuch. Es ist ein magischer Moment: Man wird eingeladen, mitzumachen, aufgefordert, selbst die Trommel zu schlagen oder sich im Rhythmus zu bewegen. In diesem Augenblick spielt es keine Rolle mehr, wer man ist oder woher man kommt. Man spürt Wärme. Man spürt Gemeinschaft. Die Schranken der Fremdheit fallen ab, und man wird für einen Moment zu einem Teil des Ganzen.
In solchen Momenten denke ich oft an Johnny Clegg. Er hat dieses Gefühl wie kaum ein anderer in Musik verwandelt. Ein weißer Südafrikaner, der Mauern überschritt, Zulu-Kultur lebte und Menschen zusammenführte. Wenn ich Lieder wie „Asimbonanga“https://www.youtube.com/watch?v=BGS7SpI7obY höre, spüre ich genau dieses Afrika, so wie Nelson Mandela es auch benannt hat – das Afrika, das ich selbst am Lagerfeuer erleben durfte: offen, rhythmisch, verletzlich und stark zugleich.
Vielleicht fehlt Ubuntu in Europa nicht ganz. Vielleicht liegt es nur verschüttet – unter Terminen, Regeln, Besitzdenken und dem ständigen Gefühl, keine Zeit zu haben. Wenn das so ist, dann besteht Hoffnung. Denn was verschüttet ist, kann man freilegen. Manchmal beginnt Menschlichkeit erstaunlich klein: mit einem Gespräch, einer offenen Tür, einem gemeinsamen Essen oder einem ehrlichen Interesse am anderen.
Und vielleicht ist genau das Ubuntu: Keine große Theorie, sondern der einfache Satz:
„Komm, setz dich zu uns.“