Namibia – das Land der Gegensätze
So würden wohl die meisten Besucher argumentieren, wenn sie zum ersten Mal dieses afrikanische Land besuchen. Im Norden ist es eher die grandiose Tierwelt, im Süden die herbe Kargheit und im Westen die Wüstenlandschaft, die das Bild prägen. Auch die grandios-karge Atlantikküste ist für viele eine Augenweide, die einen zum Staunen bringt. So könnte man aus Sicht vieler Touristen die Eindrücke beschreiben, die Namibia bei ihnen hinterlässt.
Für uns als Afrikadurchquerer ist Namibia jedoch auch in einer ganz anderen Richtung voller Gegensätze.
Namibia: Zwischen belasteter Geschichte und neuem Miteinander
Namibias Geschichte der letzten 120 Jahre ist untrennbar mit der grausamen Leidensgeschichte des Völkermordes verbunden. Gleichzeitig ist es ein Land, das bis heute stark von seinen früheren Einwanderern geprägt wird. Zuerst waren es die deutschen Siedler, die das Land formten, bevor nach dem Ersten Weltkrieg die Südafrikaner als weitere Einwanderungswelle dazukamen.
Noch heute hört man in vielen Landesteilen sehr häufig Afrikaans – die Sprache, die einst aus Südafrika mitgebracht wurde. Es ist erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit auch ein Teil der schwarzen Bevölkerung diese Sprache fließend spricht, oft sogar noch vor dem sonst so dominanten Englischen.
Da ich das Land bereits vor 40 Jahren bereist habe – zu einer Zeit, als es noch nicht unabhängig war –, fällt mir heute extrem auf, wie sehr sich die Mentalitäten und die gegenseitige Akzeptanz gewandelt haben. Heute machen Schwarzafrikaner mit weißen Afrikanern Geschäfte, die vor 40 Jahren wohl noch undenkbar gewesen wären. Das könnte man durchaus als großen Fortschritt deuten, wären da nicht die quälenden Fragen, die in mir auftauchen und auf die ich selbst noch Antworten suche.
Namibia: Die zwei Gesichter der Freiheit
Wenn man Namibia nach vier Jahrzehnten wieder bereist, ist die Veränderung gewaltig. Die alte, rassistische Ordnung, die ich noch vor 40 Jahren erlebte, ist verschwunden. Heute sieht man Schwarzafrikaner und weiße Afrikaner, die geschäftlich miteinander interagieren – eine Normalität, die damals undenkbar gewesen wäre. Man könnte dies ohne Zögern als großen Fortschritt deuten. Und doch, während wir das Land durchqueren, mischen sich quälende Fragen in diesen positiven Eindruck. Namibia ist friedlicher geworden, aber es ist auch ein Land der tiefen, fast unerträglichen Kontraste geblieben – ein Land mit zwei Gesichtern.
Ein Mosaik der Kulturen
Eines dieser Gesichter ist die faszinierende Vielfalt der Menschen. Namibia ist zwar dünn besiedelt, aber kulturell unglaublich facettenreich. Da sind die Ovambo im wasserreicheren Norden, die größte Bevölkerungsgruppe, die als sehr geschäftstüchtig gilt und heute politisch und administrativ das Land prägt. Man begegnet den stolzen Herero, deren Frauen oft viktorianisch inspirierte Kleider und Kopfbedeckungen tragen, die an Rinderhörner erinnern – ein Volk von Hirten, deren Geschichte tief durch den Völkermord unter deutscher Kolonialherrschaft gezeichnet ist.
Im Süden leben die Nama und Damara, die eine reiche Tradition an Musik und mündlicher Überlieferung pflegen und sich die „Klick-Sprache“ teilen. Im abgelegenen Kaokoveld im Nordwesten trotzen die Himba bewusst der Moderne und bewahren ihre traditionelle Lebensweise. Und dann sind da noch die Deutschnamibier und Afrikaaner, die ihre jeweils eigenen, teils konservativen Traditionen pflegen und das Land wirtschaftlich noch immer stark prägen.
Die Schattenseite der Freiheit
Doch es gibt ein zweites Gesicht Namibias, und das ist dasjenige, das mir als Afrikadurchquerer ein tiefes Unbehagen bereitet. In ganz Afrika habe ich nicht so viele Bettler gesehen wie hier, und sie treten mit einer Aufdringlichkeit auf, die man schwer ertragen kann. Ob in den Städten wie Windhoek oder Swakopmund, oder an den großen Tankstellen entlang der Hauptrouten – sie sind allgegenwärtig. Es ist ein purer, fordernder Akt des Bettelns, der sich von der informellen Wirtschaft anderer afrikanischer Länder deutlich unterscheidet.
Ich habe das Gefühl, dass sich die Gesichter der Bettler oft ähneln. Und mein Eindruck täuscht mich vermutlich nicht. Oft sind es Angehörige der San (Buschleute), der Ureinwohner Namibias, oder der Damara und Nama. Diese Gruppen haben oft am stärksten unter der Vertreibung und Ausgrenzung gelitten. Während andere Gruppen wie die Ovambo oder Herero über starke soziale Strukturen und Viehbesitz verfügen, haben viele San ihre kulturelle Identität als Jäger und Sammler verloren. Ohne Land und ohne Herden bleibt ihnen oft nur die Straße.
Warum wird gebettelt? Die Gründe sind komplex und schmerzhaft. Namibia hat weltweit eine der höchsten Raten an wirtschaftlicher Ungleichheit. Der Reichtum der Weißen und der neuen schwarzen Elite ist so sichtbar, dass das Betteln oft die einzige „Interaktion“ ist, die diesen Menschen mit der Wohlstandsgesellschaft noch bleibt. Hinzu kommt das massive Problem des Alkoholismus, das in diesen marginalized Gruppen grassiert. Die Aufdringlichkeit dient oft der Beschaffung von billigem Alkohol – ein Teufelskreis aus Verzweiflung und Sucht. Man spürt, dass es hier nicht nur um Hunger geht, sondern um eine tiefere Verzweiflung, die ein Unbehagen hinterlässt.
Vor 40 Jahren herrschte eine strikte, rassistische Ordnung, die diese Menschen mit Gewalt aus den „weißen“ Gebieten fernhielt. Heute herrscht Freiheit. Doch diese Freiheit bedeutet für viele eben auch die Freiheit, im Elend zu landen, ohne dass ein soziales Netz sie auffängt. Die geschäftlichen Erfolge zwischen Schwarz und Weiß, die ich beobachtet habe, finden meist auf einer Ebene statt, die diese unterste Schicht der Gesellschaft nie erreicht. Namibia ist auf dem Weg, aber die Frage, wie man alle seine Kinder auf diesem Weg mitnehmen kann, bleibt für mich die größte, quälende Frage nach dieser Reise.
Der Zaun: Schutz für das Wild, Ausgrenzung für den Menschen
Jetzt komme ich zu einem ganz heiklen Thema, an dem ich mir wohl bei vielen die Zähne ausbeißen werde. Es hat damit zu tun, warum wir Wildreservate einzäunen und versuchen, dem Wild die natürliche Lebensgrundlage zu erhalten. Dies sind einerseits lobenswerte Schritte, aber jetzt kommt mein großes Aber:
Der Mensch – und hier meine ich besonders die Volksgruppen, die schon seit jeher in einer Symbiose mit dem Wild gelebt haben – wird dabei ausgegrenzt. Ihnen wurde ihre Lebensgrundlage entzogen. Das Wild darf geschützt in einer reservierten Umgebung leben, aber der Mensch, der über Jahrtausende in derselben Umgebung gelebt hat, wird völlig ausgeschlossen. Was ist mit ihnen?
Besonders bei den San (Buschleute) wird dieses Paradoxon deutlich. Man hat sie aus Gebieten wie dem Etosha-Nationalpark oder anderen Parks vertrieben, um eine „unberührte Natur“ für den Tourismus zu schaffen. Doch diese Natur war nie unberührt – sie wurde von diesen Menschen nachhaltig bewirtschaftet. Heute stehen sie vor den Zäunen ihrer ehemaligen Heimat. Sie dürfen dort nicht mehr jagen, keine Wurzeln mehr sammeln und ihre traditionelle Lebensweise nicht mehr fortführen.
Während das Wild drinnen gehegt und von Touristen fotografiert wird, landen die Menschen draußen oft in tiefer Armut, in Wellblechhütten am Rande der Zivilisation. Wir schützen das Tier, aber wir zerstören die Kultur des Menschen, der eigentlich am besten wusste, wie man mit der Natur im Einklang lebt.
Das führt mich zurück zu meinem Unbehagen bei den Begegnungen mit den Bettlern an den Tankstellen und in den Städten. Viele dieser Menschen sind genau diejenigen, denen man den Zugang zu ihrem Land verwehrt hat. Wenn man ihnen die Möglichkeit nimmt, Jäger und Sammler zu sein, und sie stattdessen in eine moderne Welt wirft, in der sie keinen Platz finden, bleibt ihnen oft nur das fordernde Betteln als letzter Ausweg.
Es ist ein Widerspruch, den man kaum ertragen kann: Namibia feiert seine Naturerfolge, während die Ureinwohner dieser Natur zu Fremden im eigenen Land degradiert wurden. Das ist die Kehrseite der Medaille, die man als einfacher Tourist oft übersieht, die einem als Afrikadurchquerer aber schmerzhaft ins Auge springt.