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Kongo DRC

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Kanister, Kohle, Kisten

Alltag, Energie und Grenzen im Süden der Demokratischen Republik Kongo

Die Fahrt durch den Süden der Demokratischen Republik Kongo ist für uns Reisende auf der einen Seite eine Augenweide der Landschaft, auf der anderen Seite ein ständiges Hinterfragen, was all diese Kanister auf den Autodächern sollen. Wieso werden mehrfach gestapelte Bierkisten herumgeschleppt? Es wird augenfällig, wie viel Holzkohle am Straßenrand steht und wie fast schon künstlerisch alle Transportmittel beladen werden. Ja, die doch so sattgrüne Landschaft mit ihren hintereinandergereihten Hügelketten ist für uns eine dankbare Abwechslung und ein Augenschmaus.

So könnte die heutige Tagesaufnahme enden, und alle, die dies lesen, könnten zum Schluss kommen, dass wir nur Dinge erleben, die es nicht zu hinterfragen gibt. Wir bewegen uns jedoch anders! Wir reisen, um zu erleben und zu verstehen. Und wenn man so reist, merkt man schnell: Der Alltag hier orientiert sich nicht an offiziellen Strukturen. Nicht an dem, was vorhanden sein sollte, und vor allem nicht an Tankstellen, die nur zeitweise mit Benzin und Diesel versorgt werden.

Was für uns heute auch eine Lektion war: Dass sich das Leben hier nicht an sauber gezogenen Grenzlinien richtet. Es orientiert sich an dem, was verfügbar ist – hier und jetzt. Sichtbar wird das an drei Dingen, die uns auf jeder Etappe begleiten: Benzin, Holzkohle und Bier. Sie liegen am Straßenrand, sie werden geschoben, getragen, gefahren. Sie sind improvisiert, informell, oft illegal – und zugleich unverzichtbar. Es ist das gelebte „System D“ (vom französischen débrouiller – sich durchwurschteln): Eine Logik, die dort einspringt, wo die offizielle Versorgung aufhört.

Benzin – Bewegung in Kanistern

Benzin begegnet uns nicht zuerst an den Tankstellen, sondern im Kanister. Gelb, blau, abgewetzt, oft mehrfach verwendet. Zwanzig oder dreißig Liter, aufgereiht am Straßenrand. Kein Schild, kein Preis. Man schaut sich an, ein kurzes Wort, ein Nicken – das reicht.

Tankstellen gibt es auch hier, aber so wie wir gehört haben, sind sie unzuverlässig. Mal geschlossen, mal leer, mal mit Preisen, die sich täglich ändern. Dass dabei die Kanister die Lücken füllen müssen, ist schon fast nachvollziehbar. Das Benzin kommt aus Nachbarländern, getragen von Motorrädern, verladen in Taxis oder auf kurzen Strecken auf der Schubkarre. Ohne dieses Benzin gäbe es wohl keine so große Bewegung, wie wir sie in der ersten größeren Stadt gesehen haben. Motorräder würden stehen bleiben, Generatoren verstummen, Boote nicht fahren. Kleine Geschäfte könnten nicht öffnen. Was von außen wie Schmuggel aussieht, ist hier Versorgung. Kein lukratives Geschäft, sondern ein Überlebensmodell. Der Gewinn pro Liter ist gering – aber er reicht, um weiterzumachen.

Holzkohle – Feuer für den Alltag

Noch präsenter als Benzin ist die Holzkohle. Meistens in weiße Säcke verpackt, oben überfüllt und mit Schnüren kunstgerecht zusammengebunden. Die Säcke stehen einzeln aufgestellt oder gestapelt wie Mauern auf Lastwagen, Motorrädern, Fahrrädern oder Handkarren. Makala ist die Energie des Alltags. Mit ihr wird gekocht, Wasser erhitzt, Essen zubereitet. In Häusern, an Straßenständen, in Schulen, bei Festen und Beerdigungen.

Strom ist unzuverlässig oder gar nicht vorhanden. Gas ist teuer oder schwer zu bekommen. Holzkohle dagegen funktioniert. Sie braucht kein Netz, keine Leitung, keinen Vertrag. Ihre Herstellung findet abseits der Straßen statt. Bäume werden gefällt, das Holz zu Meilern aufgeschichtet und über Tage oder Wochen verkohlt.

Leider ist auch der ökologische Preis sichtbar: kahle Flächen, denen man ansieht, dass hier wohl mal Wälder gestanden haben. Die ausgelaugten Böden wirken wie ein Mahnmal. Aufforstung sehen wir kaum. Man könnte dies nun anklagen und moralisch aufbauschen! Hier sehen wir jedoch ein Aber: Die Holzkohle ist für viele Familien eine der wenigen Einkommensmöglichkeiten. Der Einstieg ist niedrig, der Absatz sicher, das Geld kommt sofort. Solange es keine Alternativen gibt, wird Makala bleiben.

Bier – Konsum auf Umwegen

Augenfällig sind auch die vielen Autos, die uns kreuzen: Kistenweise Bier auf dem Dach transportiert, dass uns fast der Atem stillsteht. In der Hoffnung, wohl nie eine Vollbremsung machen zu müssen, geht der Kurierdienst tagtäglich weiter. Dieses begehrte Getränk stammt oft aus Cabinda. Der Grund ist einfach: Preis und Verfügbarkeit. Bier aus Cabinda ist häufig günstiger und zuverlässiger verfügbar als lokale Produkte.

Der Weg ist selten offiziell. Über die Grenze per Motorrad, Taxi oder Kleinlaster. Niemand macht ein Geheimnis daraus. Der Handel ist sichtbar, alltäglich. Bier ist hier kein Luxus. Es gehört zum sozialen Leben. Wo Kühlung fehlt, wird schneller getrunken. Es ist weniger Flucht als Pause – ein Moment Normalität.

Die Grenze – zwei Welten am selben Ort

All das verdichtet sich an der Grenze. Nicht versteckt, nicht heimlich – sondern direkt neben dem offiziellen Zoll. Handkarren werden geschoben, beladen mit Bierkisten, Säcken und Kanistern. Autos rollen vorbei, so schwer beladen, dass der Kofferraum fast über den Boden schleift, die Stoßdämpfer am Anschlag. Niemand scheint sich zu verstecken. Der Zoll steht daneben. Er sieht es. Und es geht weiter.

Für uns beginnt der Grenzübertritt anders: Mit Warten. Und noch mehr Warten. Das Visum wird mehrfach geprüft, der Impfausweis Seite für Seite kontrolliert, das Fahrzeug akribisch inspiziert. Fragen, Formulare, Stempel. Vier Stunden und mehr vergehen. Währenddessen läuft der Grenzhandel neben unseren Augen ganz ohne Kontrollen.

Ein nicht klagendes Fazit

Wir könnten klagen! Was hier wie Ungleichbehandlung wirkt, ist kein Zufall. Wir sind sichtbar, registrierbar, greifbar. Der Staat kann bei uns kontrollieren – also tut er es. Gründlich, formal, zeitintensiv.

Der informelle Handel dagegen versorgt Märkte, Familien, Dörfer. Würde man ihn stoppen, entstünde sofort ein Vakuum. Also wird er geduldet. Still, pragmatisch. Diese Grauzonen sind kein Zeichen von Chaos. Sie sind Ausdruck eines Systems, das sich an die Realität angepasst hat. Grenzen trennen Staaten, aber sie trennen nicht den Alltag der Menschen.

Benzin, Holzkohle, Bier. Bewegung, Feuer, Gemeinschaft. Drei Waren, drei Grauzonen – ein Muster. Immer dort, wo offizielle Strukturen nicht tragen, entstehen informelle Lösungen. Was wir hier erleben, ist keine Anarchie. Es ist Organisation ohne Plan. Ein Alltag, der sich selbst versorgt – widersprüchlich, fragil, aber wirksam.

Und vielleicht ist das die ehrlichste Lektion dieser Reise: Ordnung ist relativ. Überleben nicht.

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