Logbuch Kamerun: Von Ikom nach Bafoussam – Der Plan, der im Staub verschwand
1. Januar 2026 - Ikom, Nigeria. Wir standen auf einem Hotelparkplatz und überlegten, wie es weitergeht. Kamerun, wie auch der nordwestliche Teil von Nigeria, ist eine Region, von der man viele Geschichten und Warnungen hört, die einem wirklich zu denken geben. Jetzt musste die Entscheidung her. Es gab zwei Routen, die machbar schienen und über die es im Internet Berichte gibt.
Zwei Wege, eine Entscheidung: Das Risiko-Schachspiel
Bevor wir in Ikom den Motor starteten, saßen wir über den Karten. In der Overlander-Szene – du weißt schon, die Leute mit den perfekt polierten Land Cruisern in den Foren – wird die Route über Banyo oft als die ultimative „echte“ Erfahrung gefeiert.
Die Banyo-Route (Solo-Trip durchs Niemandsland): Viele empfehlen diesen Track über Gembu (Nigeria). Der eine argumentiert aus der Sicht des Bezwingers: „Geh solo, genieß die Einsamkeit, bezwing den Schlamm.“
Die harte Wahrheit: Wer das heute solo macht, spielt russisches Roulette. Ja, du entgehst dem Chaos von Bamenda, aber du landest in einer Region, in der „Road Bandits“ (Zarguinas) das Sagen haben. Wenn dir dort oben ohne Konvoi die Achse bricht oder du in einen Hinterhalt gerätst, hört dich niemand schreien. Solo-Berichte in Apps wie iOverlander klingen oft heroisch, aber sie verschweigen die schlaflosen Nächte, wenn jedes Geräusch am Zelt nach einer AK-47 klingt.
Unsere Wahl: Die N6-N8-Route Wir haben uns für die Strecke Ekok über Mamfe nach Kumba und Buea entschieden. Aber das geht zur Zeit nur im Militärkonvoi. Die Strategie: Ein Militärkonvoi, drei Fahrzeuge, Funkgeräte, gegenseitige Absicherung. Das Learning daraus: Ganz egal, welche Route du wählst, ein Risiko ist immer dabei. Wer sich eingehend mit dieser Region auseinandersetzt, findet sehr schnell große Warnhinweise, dieses Gebiet nicht zu betreten.
2 Tage warten auf den Militärkonvoi
Wir sind am Mittwoch über die Grenze nach Kamerun, in der Hoffnung, dass der Konvoi am Donnerstag losfährt. Das bisschen Sicherheit, das uns die Armee geben sollte. Es kam so, dass uns an der Grenze sofort die Pässe abgenommen wurden. Wir sollten sie erst wiederbekommen, wenn der Konvoi startet. Keiner sollte ohne den Schutz des Militärs durch das Krisengebiet fahren, so die Begründung.
Nur war Afrika für uns wieder ganz gegenwärtig: Die Zeit ist hier etwas anderes als in Europa. Der Konvoi verschob sich um einen Tag. Also hießen wir einen Tag länger herumsitzen unter einem Baum, in einer Umgebung, die uns vorkam wie in einem Film, in dem alle Akteure mit Schmuggel beschäftigt sind. Eine schmutzige und vor allem fast surreale Stimmung lag in der Luft.
Der Geister-Konvoi
Am nächsten Morgen wurde es 10 Uhr. Wir durften unsere Pässe entgegennehmen, was hieß, dass es bald losgehen sollte. Kurz vor elf hieß es: Abfahrt. Aber wo war der Schutz? Keine Sammelstelle, keine Infos. Wir fuhren 2–3 km weiter zu einer Kontrolle. Die riefen uns nur zu: „Einfach fahren, nicht warten!“
Was war mit dem Schutz durch die Armee? Keiner wusste, was angesagt ist. Drei Kilometer weiter am nächsten Posten hieß es plötzlich: „Konvoi ist noch nicht gestartet, ihr könnt ja warten.“ Wir warteten fünf Minuten, und plötzlich tauchte unser Schutz aus der Ferne auf – in einem Tempo, das uns unheimlich war. Wir versuchten zu folgen und mit diesem halsbrecherischen Tempo Schritt zu halten. Ich bin ja für Christine immer zu schnell unterwegs, aber diesem Tempo konnte ich nicht folgen, da die Straße zusätzlich mit Löchern bestickt war. Und so kam es, dass wir niemanden mehr sahen. Wir waren alleine. Ohne Schutz und ohne Militär.
Die Flucht nach vorn: Mamfe nach Bamenda
Gedanken gingen wie Pfeile durch den Kopf: Umkehren oder weiterfahren? Ein Entschluss musste her. Wir kamen gemeinsam überein: Wenn in Mamfe der Konvoi nicht wartet, machen wir unseren eigenen Konvoi, aber nicht über Kumba, sondern den kürzeren Weg nach Bamenda. Raus aus der roten Zone, dem anglophonen Teil entfliehen.
Hätte mir das morgens um 10 Uhr jemand erzählt, ich hätte gesagt: Das kann nicht sein. Das Militär wollte wohl so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone und kümmerte sich eher um den eigenen Schutz als um den der Fahrzeuge, für die es abgestellt war.
Die N6: Trügerische Idylle und das grüne Wunder
Die Straßen nach Bamenda waren ausgesprochen gut und der Verkehr lief völlig normal. Nach dem Stress an der Grenze war der Asphalt plötzlich tadellos. Die N6 fraß sich als schwarzes Band durch das satte Grün, Lastwagen und Taxis kamen uns entgegen – es fühlte sich fast normal an.
Nach 30 km der erste Checkpoint. Die Beamten der Polizei und der BIR waren extrem freundlich. Kein aggressives Fordern, kein Schikanieren. Auf unsere Frage nach der Lage hieß es nur: „No problem, everything is fine.“ Sie winkten unseren Drei-Wagen-Konvoi einfach durch. Wir dachten: „Vielleicht haben die Foren doch übertrieben.“
Dann das grüne Wunder. Die Straße schraubte sich höher, der Dschungel wich einer Berglandschaft, die uns den Atem raubte. Das satte Grün der Hügel, die kühle Bergluft – fast wie im Appenzellerland oder in den Alpen, nur mit Palmen. An den Ständen kauften wir honigsüße Ananas, Kinder liefen lachend nebenher, Menschen winkten uns zu. Es war ein grandioses Gefühl von Freiheit.
Checkpoints und Bamenda: Der Hexenkessel
An den nächsten Kontrollen wurde immer wieder nach „Geschenken“ gefragt. Mit viel Verhandlungsgeschick haben wir das jedes Mal „vernichtet“. Reden, freundlich bleiben, Zeit mitbringen – so floss kein einziger Franc.
Dann erreichten wir Bamenda. Wir hatten mit Angst gerechnet, aber die Realität strafte alle Horrorszenarien lügen. Bamenda war ein einziger, geschäftiger Hexenkessel. Keine Spur von Kriegsstimmung, aber ein Durchkommen war nur mit viel Geduld und Reaktionsvermögen möglich. Wir fuhren mitten durch einen riesigen Markt, die Stände links und rechts so nah, dass man kaum Platz hatte. Überall Menschen, vollbeladene Motorräder, Millimeterarbeit vor den Stoßstangen. Aber die Leute lachten und handelten – der Alltag überstrahlte hier einfach alles.
Ankunft in Bafoussam
Um endgültig aus der „roten Zone“ rauszukommen, führte uns der Weg weiter durch eine einzigartige Berglandschaft bis nach Bafoussam. Auf 1500 m suchten wir uns ein Hotel. Ein kühles Bier, und wir sprachen über das Abenteuer, das uns noch tief in den Knochen und Gedanken lag. Während wir dort saßen, sponnen unsere Gedanken schon wieder: Wohin wird die Reise morgen gehen?