Der Asphalt und die Stille: Eine Reise durch die Zeit im Süden Kameruns
Als wir heute auf der neuen Asphaltstraße durch den Süden Kameruns Richtung Kongo fuhren, waren wir erstaunt über den perfekten Ausbau. Die Straße schneidet sich durch den Regenwald, als gäbe es kein Hindernis und keinen Lebensraum, der ihr standhalten könnte. Das sanfte Gleiten der Reifen verleitete Christine dazu, selbst das Steuer übernehmen zu wollen – sie wollte nicht mehr nur passive Beifahrerin sein.
Für mich war es die Gelegenheit, in Erinnerungen zu graben. 40 Jahre ist es her, seit ich das letzte Mal diesen Wald durchquert habe. Damals kämpften wir uns mühsam über Pisten, auf denen wir manchmal für 30 Kilometer einen ganzen Tag brauchten. Heute legen wir diese Strecke in weniger als einer Stunde zurück.
Doch die Freude über den Fortschritt verflog schnell, als mein Blick auf die Menschen am Straßenrand fiel. Sie gingen dort mit ihren Macheten oder trugen Körbe auf dem Rücken – eine Trageform, die für Afrika eher ungewöhnlich ist. Es waren Pygmäen.
In meiner Erinnerung waren diese Menschen scheu; ihnen zu begegnen, war vor 40 Jahren ein seltenes Ereignis. Heute stehen sie am Rand einer Welt, die nicht mehr die ihre ist. Mein Wissenshunger, den ich sonst kaum bändigen kann, wurde plötzlich von einer tiefen Traurigkeit überlagert. Mir wurde klar: Diese Menschen haben ihr Zuhause verloren.
Die Straße ist ein Segen für uns Reisende und ein Profit für die Holzfäller. Doch für die Ureinwohner des Waldes bedeutet sie das Ende ihrer Freiheit. Wir opfern ihren Lebensraum, weil wir das edle Holz ihrer Heimat so sehr lieben. Man betreibt „Artenschutz“, indem man kleine Waldinseln stehen lässt, aus denen man nur die größten Riesen fällt. Doch der Mensch, der dort seit Generationen lebte, wird verdrängt. In den neuen Reservaten darf er nicht mehr jagen, er darf dort nicht einmal mehr leben. Die Lebensweise seiner Vorfahren wurde ihm schlichtweg untersagt.
Das System der Pygmäen: Ein Leben ohne „Oben und Unten“
Um zu verstehen, was wir dort eigentlich zerstören, muss man sich ihr Gesellschaftsmodell ansehen. Es ist das radikalste Gegenmodell zu unserer westlichen Welt: eine acephale Gesellschaft – ohne formale Machtspitze.
Radikales Teilen: Beute gehört automatisch allen. Ein erfolgreicher Jäger erhält keinen Sonderstatus; Besitz wird sofort verteilt, damit niemand „reich“ wird.
Selbstverkleinerung: Prahlen gilt als lächerlich und gefährlich. Wer Erfolg hat, spielt ihn herunter, um keinen Neid zu wecken.
Spott als Korrektur: Wer sich aufspielt, wird mit Humor und Gesang bestraft, nicht mit Gewalt. Humor hält die Hierarchien flach.
Macht auf Zeit: Führung gibt es nur situativ – für eine Jagd oder ein Ritual. Danach ist jeder wieder dem anderen gleichgestellt.
Neid als Krankheit: Soziale Harmonie wird mit körperlicher Gesundheit gleichgesetzt. Spannungen werden rituell abgebaut, bevor sie das Klima vergiften können.
Was wir verlieren, wenn der Wald verstummt
Mein Wissenshunger treibt mich weiter, denn hinter dem Anblick am Straßenrand steckt noch viel mehr. Es ist nicht nur die Freiheit, die diese Menschen verlieren, sondern ein tiefes Wissen, das wir "Zivilisierten" längst vergessen haben.
Der Wald als Apotheke Wir fahren an den Bäumen vorbei und sehen nur Holz. Die Pygmäen sehen eine Apotheke. Sie nutzen über 500 Pflanzen – gegen Malaria, zur Wundheilung oder zur Beruhigung. Sie sind die besten Botaniker der Welt, ohne jemals eine Universität besucht zu haben. Doch wenn sie an die Straße gezwungen werden, lernen die Jungen die Namen der Pflanzen nicht mehr. Das „grüne Gedächtnis“ der Menschheit löscht sich gerade vor unseren Augen aus, während wir mit 80 km/h über den Asphalt rollen.
Musik, die den Wald wachküsst
Ich habe gelesen, wie sie singen. Es heißt Yelli. Es ist kein Chor, wie wir ihn kennen, mit einem Dirigenten oder einem Star. Jede Frau singt ihre eigene Melodie, und nur zusammen ergibt es diese unglaubliche Harmonie. Sie singen, um den Wald „wachzurufen“, damit er ihnen wohlgesonnen ist. Das passt perfekt zu dem, was ich beobachtet habe: Es gibt keinen Solisten. Weder in der Musik noch in der Macht. Alles ist Kollektiv. Wenn aber der Lärm der Holz-Laster den Wald überdröhnt, verliert ihre Musik den Empfänger. Der Wald hört sie nicht mehr.
Der unsichtbare Richter
Du fragst dich, wer dort für Ordnung sorgt, wenn es keine Häuptlinge gibt? Es ist Jengi, der Geist des Waldes. Er ist ihr Gesetz. In Ritualen erscheint er und erinnert alle daran: Teilt eure Beute, seid demütig, meidet den Neid. Solange sie im Wald lebten, war dieser Geist überall. Hier an der Straße, zwischen weggeworfenen Plastikflaschen und Abgasen, scheint dieser Geist keinen Platz mehr zu finden.
Die Körbe auf dem Rücken (Moutete)
Und dann sind da noch diese Körbe, die mir aufgefallen sind. Diese Moutete sind keine einfachen Taschen. Sie sind aus Lianen geflochten und so konstruiert, dass sie extrem schwer beladen werden können und im dichten Unterholz nicht hängen bleiben. Während wir unsere Koffer mit Rollen brauchen, haben sie ein System, das sie im tiefsten Dickicht mobil hält. Es ist eine Technik der Leichtigkeit – genau wie ihr ganzes Leben.
Was mir im Herzen bleibt!
Wir haben ein System gebaut, das Neid als Wettbewerbsmotor braucht. Das System der Pygmäen hingegen war darauf ausgelegt, Neid unnötig zu machen. Es war nicht romantisch, sondern pragmatisch – in kleinen Gruppen bei hohem Risiko ist Abhängigkeit die beste Versicherung.
Unsere neue Straße führt uns schnell ans Ziel, aber sie führt diese Menschen weg von sich selbst. Unser Fortschritt ist leistungsstark, aber er ist seelisch verdammt teuer.
Mein Fazit heute Abend
Je mehr ich verstehe, desto schwerer wiegt die Traurigkeit. Wir bringen ihnen den Asphalt, aber wir nehmen ihnen den Rhythmus. Wir geben ihnen die Straße, aber wir nehmen ihnen die Heimat.
Vielleicht ist das die größte Lektion dieser Reise: Wir glauben, wir bringen Fortschritt, dabei zerstören wir nur eine andere, leisere Form von Perfektion.