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Kritik

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Reisen und das Erlebte veröffentlichen

Oder: Wie die Angriffslust der Leser zum Damoklesschwert wird

Fast sieben Monate liegen hinter uns. Sieben Monate, die sich nicht in Zahlen oder Kilometern messen lassen, sondern in Begegnungen, Eindrücken und Momenten, die bleiben. Wir sind von Norden her aufgebrochen, immer weiter Richtung Süden, entlang der Westküste Afrikas. Und irgendwo zwischen Staub, Hitze, Regen und unzähligen Gesichtern wurde aus einer Reise etwas viel Tieferes. Mittendrin: wir. Und Trudi. Unser Fahrzeug, unser Zuhause, unser Rückzugsort – und manchmal auch unser einziger Schutz.

Trudi wird von manchen belächelt. „Tupperware-Schüssel“ nennen sie sie. Vielleicht, weil sie nicht in das Bild passt, das viele von einem „richtigen“ Afrika-Fahrzeug haben. Kein massiver Expeditionsaufbau, kein martialisches Auftreten, kein Fahrzeug, das schon von weitem signalisiert: „Ich bin für alles gebaut.“ Und doch hat sie genau das getan, was zählt. Sie hat gehalten. Über tausende Kilometer, über Wellblechpisten, die das Fahrzeug zum Vibrieren bringen, bis man meint, jede Schraube müsse sich lösen, über Strassen, die keine mehr sind, durch Regionen, in denen man sich manchmal fragt, ob der nächste Kilometer überhaupt noch fahrbar ist. Ja, es gab Verschleiss – Stoßdämpfer, Bremsen, drei Reifenpannen. Aber im Kern ist alles geblieben. Der Innenausbau hält, die Schränke stehen, nichts ist auseinandergebrochen. Nur Spuren einer Reise, die gelebt wird. Und genau das ist es, was viele nicht sehen: Ein Fahrzeug ist nicht nur Technik, es ist ein Raum, in dem man lebt. Wenn am Abend die Mücken kommen, wenn der Regen fällt, wenn die Hitze draussen das Leben fast unmöglich macht, dann zählt nicht, wie „geländetauglich“ ein Fahrzeug auf dem Papier ist. Dann zählt, ob man sich zurückziehen kann, ob man Schutz hat, ob man weiterleben kann, auch wenn draussen gerade nichts mehr geht. Trudi ist genau das für uns. Nicht perfekt – aber richtig.

Und dann sind da die Stimmen von aussen. Menschen, die unsere Reise verfolgen oder glauben, sie beurteilen zu können. Die uns erklären, was wir falsch machen. Die genau wissen, dass dieses Fahrzeug ungeeignet sei, zu schwer, zu wenig robust, nicht gemacht für Afrika. Ich lese solche Worte und frage mich oft ganz ehrlich: Woher kommt diese Gewissheit? Wie schnell wird geurteilt, ohne selbst dort gewesen zu sein, ohne die Wege gespürt zu haben, ohne die Abende erlebt zu haben, an denen man froh ist um jeden geschlossenen Raum. Ja, es gibt viele Arten zu reisen, und jede hat ihre Berechtigung. Aber unsere ist unsere. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, nicht aus Unwissen, nicht aus Naivität, sondern aus Erfahrung. Und trotzdem trifft Kritik manchmal – leise, unaufdringlich, aber sie trifft. Nicht, weil sie immer recht hat, sondern weil sie oft ohne Verständnis kommt.

Noch stärker als die Diskussion über Technik beschäftigt mich etwas anderes: die Reaktionen auf unsere Worte und unsere Bilder. Unsere Homepage und unsere Beiträge sollen mehr sein als schöne Landschaften. Mehr als Sonnenuntergänge ohne Kontext. Wir sind losgefahren, um Menschen zu begegnen, um zu verstehen, um nicht nur Zuschauer zu sein. Wir wollten nie hinter einer Scheibe sitzen und durch Afrika fahren, wir wollten mittendrin sein. Und genau das passiert. Menschen sprechen uns an, Kinder laufen uns entgegen, es wird gelacht, gewunken, gefragt. Manchmal entstehen Gespräche, manchmal nur ein kurzer Blick, aber oft ist da etwas, das man nicht erklären kann: ein Lächeln. Ein ehrliches, offenes Lächeln. Und genau diese Momente versuchen wir festzuhalten, nicht perfekt, nicht inszeniert, sondern so, wie sie sind. Doch genau das wird hinterfragt.

Immer wieder kommt die gleiche Kritik: Man dürfe Menschen so nicht zeigen, man müsse Gesichter unkenntlich machen, verpixeln, schützen. Ich verstehe, woher diese Gedanken kommen. In Europa ist das selbstverständlich geworden – Datenschutz, Absicherung, Kontrolle. Aber hier erleben wir oft etwas anderes. Hier wird es als Wertschätzung empfunden, gesehen zu werden, nicht versteckt, nicht anonymisiert. Ein Bild ist hier oft kein Eingriff, sondern ein Zeichen: Du bist Teil dieser Begegnung. Wenn wir durch einen Markt gehen, dann sind es nicht nur Farben und Geräusche, sondern Menschen, ihre Arbeit, ihre Präsenz, ihre Würde. Wenn wir Kinder fotografieren, dann nicht, um Bilder zu sammeln, sondern weil in diesem Moment etwas entsteht: ein Austausch, eine Neugier, ein gemeinsames Lachen. Ein verpixeltes Gesicht würde genau das zerstören. Es würde Distanz schaffen, wo Nähe war, und verbergen, was eigentlich gezeigt werden möchte. Wir fotografieren nicht heimlich, nicht aus der Distanz, sondern im Moment, mit Blickkontakt und mit einem Gefühl, das man nicht erklären muss, aber versteht. Und genau deshalb zeigen wir diese Gesichter – nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Respekt.

Vielleicht liegt genau hier der Kern des Ganzen. Wir bewegen uns zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite eine Heimat, in der vieles geregelt, abgesichert und definiert ist, auf der anderen Seite ein Kontinent, in dem Begegnungen oft direkter, unmittelbarer und ungefilterter stattfinden. Und irgendwo dazwischen stehen wir, mit unseren Bildern, mit unseren Worten, mit unserem Versuch, beides miteinander zu verbinden. Das gelingt nicht immer perfekt, und vielleicht muss es das auch gar nicht.

Wir wissen, dass wir hier nur Gäste sind. Dass wir kommen und wieder gehen, dass wir Eindrücke mitnehmen, aber nie wirklich Teil dieser Welt werden. Und genau deshalb versuchen wir, respektvoll zu sein, offen zu bleiben, nicht zu urteilen, sondern zu verstehen. Unsere Geschichten sind keine Wahrheit, unsere Bilder keine Erklärung. Sie sind das, was wir sehen, was wir fühlen, was wir erleben – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, alles richtig zu machen oder jede Kritik zu vermeiden. Vielleicht geht es darum, ehrlich zu bleiben. Ehrlich in dem, was wir zeigen, ehrlich in dem, was wir erzählen, ehrlich in dem, was wir erleben. Mit all den Begegnungen, die uns geprägt haben, und mit den Gesichtern, die diese Reise zu dem machen, was sie wirklich ist.

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